Springreiten
Der Springsport ist ein dramatisches und publikumswirksames Spektakel, das mit viel Kraft und Akkuratesse aufgeführt wird. Besonders im heutigen modernen Hochleistungssport wird den Pferden und den Reitern viel abverlangt. Es sind viele Fähigkeiten vonnöten, um die schwierigen verzwickten und oft trickreichen Parcours ohne Fehler und in kürzester Zeit hinter sich zu bringen.
Die Geschichte
Die erste Veranstaltung, die man als Springturnier bezeichnen könnte, fand 1865 bei der Dublin Horse Show statt. 1866 wurde in Paris ein „concours hippique" veranstaltet, bei dem die Teilnehmer nach ihrem Erscheinungsbild beurteilt wurden und über einige natürliche Hindernisse im Gelände sprangen. Das nächste Stadium war das Springen über aus Balken angefertigte Hindernisse, das bereits auf eingezäunten Plätzen stattfand -allerdings als eine Art Pausenfüller bei weitaus wichtigeren Ereignissen wie zum Beispiel Fahrturnieren.
Im Jahr 1883 jedoch wurde auf einem New Yorker Turnier bereits ein relativ anspruchvolles Springen veranstaltet. Ab etwa 1900 gewann der Springsport an Format. Ein Meilenstein war 1908 die Gründung der jährlichen International Horse Show im Olympia in London.
Der Springsport war von beginn an international ausgerichtet. Der erste Nations Cup, heute immer noch das wichtigste Mannschaftsturnier, wurde im Jahr 1910 veranstaltet. 1911 startete bereits eine Mannschaft aus den USA im Olympia, und ein Jahr später wurden bei den Olympischen Spielen in Stockholm sogar schon Mannschafts- und Einzelmedaillen verliehen, wo Schweden und der Franzose Jean Cariou siegten.
In den ersten Jahren kamen die Teilnehmer fast alle aus Militärkreisen. Die Reiter durften ihren Pferden die Hindernisse vor dem Springen zeigen. Es gab bereits Strafpunkte für ein Verschieben der leichten Hindernisstangen, und man differenzierte zwischen Abwürfen durch die Vor- oder die Hinterhand. Es gab auch Punkte für den Reitstil, und jedes Hindernis wurde anders bewertet.
Jede Nation hatte ihre eigenen Regeln, manchmal sogar jeder Veranstalter.
In der Geschichte des Springreitens spielt der Rittmeister Federico Caprilli (1868-1907) eine große Rolle. Er entwickelte den noch heute gültigen Springstil, in dem er Sitz und Haltung des Reiters der natürlichen Gleichgewichtsverteilung in der Springkurve des Pferdes anpaßte. Caprilli hatte bei der Betrachtung freispringender Pferde an der Reitschule Pinerolo beobachtet, dass auch dem gerittenen Pferd Kopf und Hals während des Sprunges frei gelassen werden solle, der Sitz des Reiters den Rücken des Pferdes entlassen solle und somit die Balance des Pferdes keinesfalls gestört werden dürfte. Vor Caprillis Innovation sprang man noch im Vollsitz, oft leicht nach hinten geneigt, und behinderte das Pferd eher, als dass man ihm den Sprung erleichterte. Der leichte Springsitz wurde zunächst in der italienischen Militärakademie, später in der Militärakademie in Hannover propagiert und setzte sich relativ schnell durch.
Die Ausrüstung
Die Ausrüstung des Springreiters unterscheidet sich nicht wesentlich von des des Dressurreiters.
Hilfreich ist:
- Ein Springsattel :Beim Springsattel muss wegen der kürzeren Bügel genügend Platz für das Knie sein, eine deutlichere Pausche gibt dem Knie zusätzlichen Halt.
- Vorderzeug, Vorgurt, Schweifriemen: stabilisiert bei schlechter oder wenig ausgeprägter Sattellage die Lage des Sattels.
- Martingal: gehört im weiteren Sinne zu den Hilfszügeln, es wird normalerweise nur als laufendes Ringmartingal verwendet, also wirkt nicht direkt auf das Pferdemaul ein.
- Reitkappe ist Pflicht.
- Sporen oder Gerte bis 0,75 lang weiterhin nach Bedarf.
Das Springpferd
Springen Pferde gern ? Eine immer wieder gestellte Frage. Es ist glaubwürdig bestätigt, dass es Pferde gibt, die gern springen, ebenso aber solche, die es nicht gern tun. Selbst Pferden ohne jedes Springtraining fällt es leicht, ohne Zwang und Aufforderung, völlig freiwillig, über den Koppelzaun zu springen, weil es vielleicht nicht mehr allein sein will und zu irgendeinem Kameraden hin will oder weil vielleicht das Gras nebenan schmackhafter sein könnte. Von der anatomischen Betrachtung her ist jedenfalls das Skelett des Pferdes nicht zum Überspringen überdimensionaler Hindernisse vorgesehen. Das Fluchttier Pferd springt eher weit - im verlängerten Galoppsprung - als hoch. Es ist sogar nachweisbar, dass Pferde sogar lieber einen Umweg machen, wenn sie ein Hindernis umlaufen können, als daß sie darüber hinwegspringen. Selbst wenn es aber Pferde gibt, die gern springen, dann ist noch die Frage, ob sie immer und immer wieder gern sehr hoch und sehr weit springen wollen.
Das Training des Springpferdes fördert im Laufe der Ausbildung die nötigen Muskulatur, festigt wohl auch die Bänder und Sehnen, aber gerade die sind es, die bei zu starken Beanspruchungen eines Tages nicht mehr mitmachen. Springpferde müssen - im Gegenteil zum Dressurpferd - nicht durch Schönheit und Adel glänzen. Sie sollen Mut haben, sie sollen den richtigen „Biß" haben, nachgerade eine Leidenschaft über Hindernisse gehen zu wollen. Das ist oft das Resultat einer gezielten Ausbildung, aber auch ebenso einer gezielten Zucht.
Wichtigste Forderung an das Exterieur ist eine kraftvolle gut gewinkelte Hinterhand, die außer einem raumgreifenden Galopp - um Zeit zu machen - die Last federnd, ja explosiv, abzustoßen vermag. Das Springpferd soll im leichten Rechteckformat stehen und keine weiche Nierenpartie haben.
Die Grundübungen im Reiten
- Das Reiten über Cavaletti dient als Vorbereitung zum Springen und ist darüber hinaus auch eine ausgezeichnete Gymnastizierung von Reiter und Pferd. Es wird erst im Schritt, dann im Trab und im Galopp über einzelne oder mehrere hintereinander liegende Bodenricks geritten. Der Reiter nimmt den leichten Sitz ein. Das Grundtempo bleibt vor, über und nach den Bodenricks gleichmäßig.
Die Abstände der Bodenricks betragen:
-im Schritt ca. 80 cm
-im Trab ca 1,30 m
-im Galopp ca. 3 m
Durch das Reiten von Cavalettis wird die Rückentätigkeit, die Kontrolle über die Bewegungsabläufe, das Gleichgewicht, die Trittsicherheit, das Geschick und die Gewandtheit, die Kräftigung der Muskulatur und die Vorbereitung zum Springen verbessert. - Durch verschiedene springgymnastische Übungen (Springreihen) und das Springtraining (wo das Pferd mit dem Überwinden höherer Hindernisse vertraut machen wird) wird die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten des Pferdes für das Springen trainiert. Der Reiter lernt auch sich elastisch den wechselnden Flugphasen des Pferdes anzupassen. Die Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit werden ebenso gefördert wie der feste Knie- und Schenkelschluss, das Rhythmusgefühl wird verbessert.
- Die Anforderungen der Ausbildungsskala gelten grundsätzlich auch für ein Springpferd. Ein Springpferd kann ohne die dressurmäßige Ausbildung keine genügende Schub- und Tragkraft entwickeln, die es zur optimalen Ausnutzung seiner Springveranlagung braucht und zwar zwischen, vor, über und nach den Sprüngen.
Die Hindernisse
Es gibt eine vielzahl von Hindernissen:
- Der Steilsprung gehört zu den so genannten Hochsprüngen. Ein Steilsprung besteht aus insgesamt zwei Ständern zwischen die unterschiedliche Hindernisstangen platziert werden.
- Der Oxer zählt zu den so genannten Hoch-Weit-Sprüngen. Bei der Überwindung der Oxer muss das Pferd nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Weite springen, um keinen Abwurf zu kassieren. Der eckige Form des Oxers entsteht durch zwei hintereinanderliegende Stangenreihen. Bei der einfachen version ist die hintere Reihe etwad höher. In einem S-Springen kann ein Oxer durchaus schon einmal eine Höhe von bis zu 160 cm und eine Breite von bis zu 2 Metern erreichen.
- Die Triplebarre ist ein Hochweitsprung, bei dem drei, in der Höhe ansteigende Steilsprünge aufeinander folgen.
- Die Mauer besteht aus großen Hindernisblöcken, die übereinander gestapelt das Hindernis ergeben.
- Der Schweinerücken ist ein eher seltenes Hindernis. Es hat aber den Vorteil, dass man es - da die obere Stange in der Mitte liegt - von beiden Seiten springen kann.
- Der Wassergraben gehört zu den klassischen Weitsprüngen. Beim überwinden dieses Hindernisses müssen Pferd und Reiter eine Weite von mehreren Metern bewältigen. Aus diesem Grund benötigen sie viel Schwung und eine höhere Anreitgeschwindigkeit. Da keine Stangen fallen können, gilt hier das Berühren des Wassers oder der weißen Markierungen vor und hinter dem Wassergraben als fehlerhaft.
- Der Wall handelt sich um ein Naturhindernis, bei dem der Wall selbst also die Erdaufschüttung, das Hindernis darstellt. Das Pferd muss auf den Wall aufspringen und am Ende wieder von ihm herunterspringen.
- Die Kombinationen bezeichnen zwei oder drei Hindernisse zwischen denen das Pferd ein oder zwei Galoppsprünge macht. Bei Kombinationen müssen Tempo und Absprung so gewählt werden, dass auch der Abstand zum nachfolgenden Hindernis passend bleibt.
Das Anreiten und Überwinden eines Hindernisses wird in mehrere Phasen eingeteilt:
- Die Anreitephase erfordert bei dem Reiter Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, einen ausbalancierten und losgelassenen Sitz und eine gut abgestimmte Einwirkung voraus.
- In der Absprungphase, durch richtiges Mitgehen in die Bewegung dem Pferd macht der Reiter die Ausführung des Sprunges so leicht wie möglich.
- Während der Flug- und Landephase, das ausbalancierte Mitgehen mit der Bewegung ermöglicht dem Pferd einen effizienten Sprungablauf. Der Reiter passt sich geschmeidig der Schwerpunktverlagerung an.
- In der Phase des Weiterreitens stellt der im leichten Sitz ausbalancierte Reiter durch gut abgestimmtes Zusammenwirken der treibenden und verhaltenen Hilfen die Kontrolle des Pferdes bezüglich Tempo und Haltung wieder her.
- Weiterhin sind bestimmte Kriterien zu beachten: Grundtempo, Anreiteweg und Absprungdistanz.
Der Parcours
Springprüfungen können im Freien oder in der Halle stattfinden. Für jedes Turnier wird ein neuer Parcours gebaut; lediglich die sogenannten „Derbys" wie in Hamburg oder in Hickstead werden immer auf dem gleichen Parcours gesprungen.
In einem guten Parcours zeigt sich die Harmonie zwischen Reiter und Pferd.
Der Parcours muss so gebaut werden, dass er das Publikum unterhält, Pferd und Reiter fordert und für Spannung sorgt. Die reiterlichen Fähigkeiten werden durch die Hindernisse getestet, die zum einen Mut und zum anderen Genauigkeit erfordern.
Der Parcours wird vor dem Springen von den Reitern abgegangen, so dass sie sich ein Bild von den Hindernissen und vom Ablauf machen können - wo sie Zeit sparen können, wo sie Tempo zurücknehmen müssen oder machen, wie viele Galoppsprünge sie zwischen zwei Hindernissen brauchen usw.
Die Regeln
Bei einem klassischen Springen wird die erste Runde nach Fehlern und die zweite, verkürzte Runde mit meist erhöhten Sprüngen nach Fehlern und Zeit gewertet. Es gibt dabei viele Variationen:
-Bei einem Zeitspringen geht es von Anfang an gegen die Uhr.
-Beim Mächtigkeitsspringen werden die Hindernisse - vor allem die Mauer - nach und nach erhöht.
-Bei anderen Prüfungen kann sich der Reiter aussuchen, in welcher Reihenfolge er die Hindernisse springt, usw.
Die Regeln sind folgende:
- Nach dem Einritt in den Parcours erfolgt das Grüßen der Richter durch den Reiter.
- Der Reiter hat noch 60 Sekunden Zeit den Parcours zu beginnen sobald das Startklingeln ertönt hat. Falls das Pferd äppeln muss, wird die Uhr angehalten.
- Der Parcours muss innerhalb einer erlaubten Zeit und innerhalb einer Höchstzeit absolviert werden. Überschreitet der Reiter die erlaubte Zeit, so bekommt er für jede überschrittene Sekunde ¼ Strafpunkt (national) oder 1 Strafpunkt (international). Wenn der Reiter den Parcours nicht innerhalb der Höchstzeit zu durchreiten schafft, bedeutet das den Ausschluss.
- Wenn der Reiter sich während des Parcours verreitet, wird er in der Regel abgeklingelt und von den Richtern auf diesen Fehler aufmerksam gemacht. Verreiten wird mit 3 Strafpunkten geahndet.
- Der Reiter erhält vier Punkte für einen Abwurf .
- Ebenfalls 4 Punkte für den ersten Ungehorsam (Verweigerung oder Vorbeireiten). Auf nationalen Turnieren, drei Punkte.
- Dreimaliges Verweigern führt zum Ausschluss des Paares. Jedoch darf der Reiter einen einzelnen Korrektursprung im Parcours vornehmen.
- Stürzt der Reiter, so kassiert er 8 Strafpunkte. Ein weiterer Sturz führt zum Ausschluss des Paares. Stürzt das Pferd, so bedeutet das den sofortigen Ausschluss des Paares.
Der internationaler Sport
Derbys gehören zu den Spitzenveranstaltungen im internationalen Springsport. Das Jumping Derby im englischen Hickstead, ist wahrscheinlich das berühmteste Springturnier der Welt. Ebenso attraktiv sind die Springen in Hamburg, Berlin, Münster und ganz besonders in der Aachener Soers.
Deutschland gehört zu den spitzennationen im Springsport. Die ersten weltberühmten deutschen Springreiter waren:
-Fritz Thiedemann aus Elmshorn. Große Meriten erwarb sich der Reiter mit seinem Holsteiner Meteor. Sie gewannen fünfmal das Hamburger Springderby und 1952, in Helsinki gab´s Bronze in der Einzelwertung, 1956 in Stockholm sowie 1960 in Rom jeweils Gold in der Mannschaftswertung.
-Hans-Günter Winkler mit Halla. Den spektakulärsten Sieg erkämpfte sich Hans Günter Winkler bei den Reiterspielen in Stockholm. Obwohl er den zweiten Umlauf des Jagdspringens mit einem Muskelfaserriß in der Leistengegend bestreiten mußte und vor Schmerzen kaum in der Lage war, auf Halla einzuwirken, gewann er, dank einer unglaublichen Willenleistung und der Klasse seines Pferdes die Goldmedaille. Insgesamt war er mit Halla -die von ihm einmal als eine „Mischung von irrer Ziege und Genie" charakterisiert wurde - in 125 Springen erfolgreich.

