Augen auf beim Pferdekauf!
Immer wieder werde ich in der Praxis mit Pferdekäufen und - auch häufig - mit Pferdefehlkäufen konfrontiert, daher soll dieser Artikel einmal die wichtigsten Aspekte zum Thema Pferdekauf zusammenfassen.
Gesundheit
Das wichtigste Kriterium - neben der Sympathie für den auserwählten neuen Freizeitpartner Pferd - ist die Gesundheit. Auch wenn der zukünftige Pferdebesitzer beim Proberitt rundum zufrieden ist und die Chemie zwischen Pferd und Reiter zu stimmen scheint, können künftige Ritte grundsätzlich nur mit einem gesunden Pferd dauerhaft für Freude sorgen. Gleich, ob der zukünftige Pferdebesitzer ein gutmütiges und verlässliches Freizeitpferd für gemeinsame Ausritte in der Natur sucht oder Turnierambitionen pflegt und sein Herz für Siege in bestimmten Ausschreibungen schlägt: Voraussetzung ist eine langfristige und stabile Gesundheit des Pferdes! Selbstverständlich kann ein Pferd jederzeit krank werden, doch sollte beim Kauf, sofern das Pferd reitbar sein sollte bzw. reitbar werden sollte, das Hauptaugenmerk auf ein gesundes Pferd gelegt werden. Vor allem dann, wenn man dem neuen Partner auch gewisse Leistungen abverlangen will,- und sei es nur bei regelmäßigen "gemütlichen Ausritten".
Kranke Pferde bzw. Beistellpferde kaufen
Ausgenommen sind bei dieser Betrachtung Pferde, die nicht „genutzt" werden sollen, sondern lediglich als „Beisteller" und/oder Familienmitglied vorgesehen sind. Aber auch, wenn gesundheitliche Handicaps klar definiert sind und das künftige Familienmitglied "bewusst krank" gekauft wird, ist es wichtig zu wissen, in welchem Stadium sich die Krankheit befindet. Dies aus verschiedenen Gründen: Erstens muss abgeklärt werden, ob das Pferd überhaupt noch Lebensqualität erfährt bzw. erneut eine gewisse Lebensqualität erlangen kann. Zweitens sollte dem künftigen Pferdebesitzer, insbesondere bei Pferden mit gesundheitlichen Einschränkungen, klar sein, welche ungefähren Kosten für etwaige (manchmal sogar regelmäßige) Behandlungen auf ihn zukommen (können).
Es macht überhaupt keinen Sinn, wenn Menschen, deren finanziellen Mittel schon beim Kauf des vermeintlich "günstigen" Pferdes ausgeschöpft sind, bereits nach dem Kauf durch unvorhersehbare Folgekosten in große Not geraten. Denn: Selbstverständlich fallen gerade bei kranken bzw. alternden Pferden bedeutend höhere regelmäßige Kosten an als bei einem gesunden Pferd (Stichwort Tierarzt, Tierheilpraktiker, Medikamente, spezielles Futter, spezielle Unterbringung usw.). Darüber muss sich der Interessent vor dem Kauf unbedingt im Klaren sein, sonst droht ein Fiasko für Pferd und Pferdehalter! Sogenannte „Mitleidskäufe" können kranken Pferden oft mehr schaden als nutzen, denn ein Leben nur zu verlängern, um es zu erhalten, hat nichts mit echter Tierliebe zu tun, wenn nicht zeitgleich für das Pferd auch echte Lebensqualität besteht.
Oftmals erhalte ich Anfragen, die gerade dieses Thema behandeln. „Frau Nehls, ich habe die Möglichkeit, ein dämpfiges Pferd für 500.00 € zu kaufen, was halten Sie davon?" Meine Antwort lautet dann regelmäßig: „Sofern Sie die finanziellen Mittel haben, diesem Pferd Therapien zukommen zu lassen, die die gesundheitliche Lage so nachhaltig verbessern können, dass dieses Pferdeleben wieder lebenswert wird, kann ich nur zum Kauf raten. Sofern dies nicht der Fall ist, lassen Sie die Finger davon und dieses Pferd lieber erlösen, sofern dieser Gedanke beim Pferdeverkauf im Vordergrund steht (wie so oft)."
Täglich melden sich hilfesuchend Menschen per Mail bei mir, die von einem Pferd gehört haben, dem der Schlachthof droht, wenn es nicht - möglichst - sofort verkauft werde. Natürlich wollen viele diesen Tieren helfen. Und oft gibt es diese Pferde zu sogenannten „Schleuderpreisen" (meist, weil die Besitzer dieser Pferde entweder die Kosten nicht mehr tragen können oder aber nicht mehr tragen wollen). Nicht selten kommt aber auch in bestimmten Fällen der Verdacht auf, dass mit Mitleid Kasse gemacht werden soll: Tierliebende Menschen sind nämlich nicht selten gerne bereit, für ein Pferd, das angeblich den Weg zum Abdecker antreten soll, deutlich mehr zu bezahlen als den sogenannten "Schlachtpreis".
Wichtig: umfangreiche Ankaufsuntersuchung
Gleich, welche Beweggründe den zukünftigen Pferdebesitzer zum Kauf antreiben: Wichtig ist, beim Kauf eines Pferdes eine umfangreiche Ankaufsuntersuchung inklusive Blutanalyse und Röntgenbilder in Auftrag zu geben, um den "Ist-Zustand" zu ermitteln und mit diesem Wissen den Pferdekauf in Ruhe abwägen zu können. Allein offenkundige Sympathie oder ein "gutes Gefühl" beim Proberitt reichen nicht aus, um eine so weitreichende Entscheidung beim Kauf eines Pferdes treffen zu können; es sei denn man ist ein ausgesprochener Pferdeexperte und kann etwaige Handicaps oder gesundheitliche Einschränkungen sozusagen "auf den ersten Blick" erkennen.
Doch selbst der professionellste Kennerblick ersetzt kein Röntgengerät!
An einer ausführlichen Ankaufsuntersuchung zu sparen, heißt, am falschen Ende zu sparen und oft rächt sich das später durch frustrierende Erfahrungen. Genau aus diesem Grunde winke sogar ich regelmäßig ab, wenn ich um Ankaufsuntersuchungen gebeten werde; denn auch ich habe keinen "Röntgenblick". Ohne Röntgen bleiben einer Ankaufsuntersuchung z. B. in Sachen Bewegungsapparat viele wesentliche Erkenntnisse verborgen und so manches Mal sorgen hoch dosierte Schmerzmittel und/oder entzündungshemmende Präparate (die oft auch im Standard-Blutbild nicht erkennbar sind) dafür, dass sich ein Pferd "putzmunter" bei den Kaufverhandlungen präsentiert. Deshalb:
Chronische Erkrankungen und auch so manche akute Erkrankung des Bewegungsapparates können nur anhand von Röntgenbildern sofort aufgespürt werden und geben schon vor dem Kauf entsprechende Sicherheit.
Ein Tipp: Mehrmalige Besuche des Pferdes vor dem Kauf
Auch beruhigende Mittel können zu Fehlinterpretationen führen. Hier gilt: Um ein Pferd wirklich kennen zu lernen, Charakter und Temperament einigermaßen einschätzen zu können, bleibt dem künftigen Pferdebesitzer eigentlich nur eines: Mehrmalige Besuche vor dem Kauf!
Übrigens: Es muss gar nicht die "chemische Keule" sein, die Pferde bei Kaufverhandlungen "besser" präsentieren lässt. Mit ganz banalen Mitteln geht es auch: Die seit geraumer Zeit in Mode gekommene Gabe von Ingwer (das wussten schon früher gewiefte Pferdehändler) sorgt ebenfalls bei bestimmten Pferden für einen verblüffend "agilen" Gesamteindruck.
Was will ich?
Grundsätzlich sollte einem vor dem Pferdekauf unbedingt klar sein, was vom künftigen Partner Pferd erwartet wird. Von diesen Erwartungen sollte man auch dann nicht abrücken, wenn man bei der Pferdebegutachtung jene „Liebe auf den ersten Blick" erleben darf. Entscheidet sich der neue Besitzer voreilig, hat das oft für das entsprechende Pferd fatale Folgen: Nach kurzer Zeit wird es erneut verkauft und geht nicht selten danach von „Hand zu Hand". Ein Pferd sollte man immer mit der Absicht kaufen, einen Partner für das gesamte restliche Pferdeleben einer lebenslangen Gemeinschaft finden zu wollen.
Begehrte Pferde
Schaut man sich die Suchanzeigen in den Pferdemärkten an, so wird schnell klar, was begehrt wird: Ein absolut liebes, anfängertaugliches, anhängliches, schönes und gesundes Pferd, das sich selbstverständlich auch für ängstliche Reiter und Kinder eignet. Schaut man sich dann aber die Preisvorstellungen der Kaufinteressenten an, so haben diese Preise oft wenig mit der Realität zu tun. Wie beim "Discounter" erwartet man "erstklassige Ware" zu absoluten "Dumpingpreisen". Doch: Es ist ein weiter, beschwerlicher Weg zum heiß begehrten Ideal-Pferd und dieser Weg ist mit enormen Zeit- und Geldinvestitionen verbunden!
Die Ausbildung eines Pferdes ist nicht in ein paar Wochen erledigt! Die Erhaltung und Förderung der Gesundheit, die entsprechende Fütterung und artgerechte Haltung des Pferdes - sind nur einige "Zutaten" für ein ausgeglichenes, gut reitbares und erstklassig konditioniertes Pferd. Und so ein Pferd gibt es nicht für den "Geiz ist geil"-Markt. Der verantwortungsvolle Pferdeverkäufer verlangt schon im Interesse seines Pferdes einen fairen Preis und verramscht das Tier nicht an zwielichtige "Sparfüchse". Verkäufer also, die vermeintlich "tolle Schnäppchen" anbieten, sollten ganz besonders kritisch unter die Lupe genommen werden.
Nachfrage bestimmt den Preis
Die Preise auf dem Pferdemarkt sind in den letzten Jahren und ganz besonders im letzten Jahr stark gefallen. Ob diese Entwicklung wirklich gut ist? Für "Schnäppchenjäger" vielleicht, für die Pferde wohl kaum. Denn dieser Preisverfall bedingt, dass immer mehr Pferde in ein Umfeld geraten, wo die finanziellen Möglichkeiten schon nach dem Kauf schnell ausgereizt sein können, was im weiteren Verlauf eine schlechtere gesundheitliche Versorgung und auch schlechtere Haltungs- und Fütterungsbedingungen bedeutet.
Natürlich sollte der Reitsport kein Privileg nur für die "Betuchten" sein. Doch wer mit seinem Geld jeden Monat rechnen muss, wäre mit einer Reitbeteiligung oder einem Pflegepferd glücklicher. Hier sind die Kosten beherrschbar und man erspart sich und seinem Pferd das etwaige finanzielle Fiasko mit ungeahnten Folgen.
Viele Einstellbetriebe können oft nur noch überleben, wenn sie günstige Preise anbieten. Das aber geht oft nur auf Kosten der Qualität: Überbelegte Ställe, schlechtes Heu, schlechte Einstreu, mangelhafte Pferdekontrolle, miserable Auslaufflächen usw. können die Folge sein.
Verlangen Ställe hingegen einen adäquaten Preis, so suchen sich viele Pferdebesitzer schnell einen günstigeren Stall und akzeptieren dann bewusst die schlechteren Bedingungen. Dieser Boom, quasi Jedem die Haltung eines Pferdes irgendwie zu ermöglichen, zeigt schon heute die drastischen Auswirkungen: Immer mehr Pferde werden, wenn sie nicht mehr finanziert oder gehalten werden können, aus der Not heraus an Pferdemetzger verschachert. Nicht wenige Tiere treten danach oft eine leidvolle Reise zu den Fleischmärkten in Italien oder Frankreich an. "Masse statt Klasse":
Der "Preisverfall" auf dem Pferdemarkt deutet in keine gute Zukunft. Der Einzelne wird diese Entwicklung nicht aufhalten können. Nur wenn Züchter, Pferdehalter, Pferdekäufer, Pferdeverkäufer, Stallbetreiber, - kurz: Wenn alle, die vorgeben, das Pferd zu lieben, an einem Strang ziehen, können wir den Trend noch ausbremsen.
Tierheilkundezentrum
Tierheilpraktikerin Claudia Nehls
Am Buchholz 3, 33014 Bad Driburg
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